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Rundweg Nr. 5 – Dwasieden

Pförtnerhaus

Man braucht heute schon sehr viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass vor über 100 Jahren ab dieser Stelle ein gepflegter Schlosspark in einer Größe von ca. 102 ha begonnen hat – Schlosspark Dwasieden. Am Steilufer mitten im Wald stand ein prunkvolles Schloss, welches dem Bankier Adolph von Hansemann (*27. Juli 1826 in Aachen; †9. Dezember 1903 in Berlin) von 1877 bis 1903 als Sommeraufenthalt diente. Der gesamte Park war eingezäunt, an dessen Hauptzufahrten zwei Pförtnerhäuser errichtet wurden. Das Zweite (siehe historisches Bild um 1920 unten) befindet sich am anderen Ende des Schlossparks in der noch so genannten „Schlossallee“. Aus einer Aufstellung aus den 1920er Jahren ist zu lesen: „2 Pförtnerhäuser, massiv, Hartdach – eines von einem Förster, das andere von einer Försterwitwe bewohnt.“ Über die Besuchserlaubnis kann man in Reiseführern unterschiedliches lesen: 1897: „… der Besuch des Parkes wird von dem Besitzer bereitwillig gestattet“. 1902: „…den Besuchern jederzeit geöffnet ist (an den Pförtner kleines Trinkgeld).“ 1905: „Dwasieden ist nur mit Karte zu betreten; Crampaser Kurgäste können die Karte gegen Vorzeigung der Legitimationskarte von der Gutsverwaltung in Lanken erhalten…“. 1908: „…hier wird man auf Anläuten ohne weiteres ein- und ausgelassen, die Besichtigung des Schloßinneren ist dagegen nicht gestattet.“ Über Gerd von Oertzen (letzter Schlossbesitzer) heißt es 1927: „…, daß er es nicht mehr gestatten könne, daß das Publikum Schloß und Park besichtige. Er hätte es satt, sich täglich von dem Publikum auf seinen Eßtisch schauen zu lassen…“.

Schloss Dwasieden

Adolph von Hansemann (* 27. Juli 1826 in Aachen; † 9. Dezember 1903 in Berlin) stand mit seiner Disconto-Gesellschaft, dem „Vorreiter“ der Deutschen Bank, an der Spitze der Hochfinanz im Deutschen Kaiserreich und hatte somit alles Geld der Welt, um sich ein prächtiges Schloss (nach bisherigen Recherchen das wertvollste Gebäude auf Rügen) aus schwedischem Granit und Marmor, verkleidet mit französischem Sandstein, zu bauen. Baukosten: 4 Millionen Reichsmark – seinerzeit eine enorme Summe. Bauherr war Friedrich Hitzig, ein Schüler Karl Friedrich Schinkels. Sämtliche grobe Baumaterialien wurden von der Seeseite über eine extra dafür angelegte Schneise über das Steilufer hoch gehievt und erst vor Ort von Künstlern und Handwerkern in Kunst und Form gebracht. Das Schloss diente Hansemann nur als Sommeraufenthalt für zwei Monate bzw. für eine Woche im Herbst zur Schnepfenjagd. Persönlichkeiten wie das deutsche Kaiserpaar, hochrangige Bankiers und der Dichter Gerhard Hauptmann verweilten in dem neoklassizistischen Prunkbau. Heute erinnern nur noch vereinzelte Säulenreste und die Ruinen der beiden Pavillon-Flügel (Wandelhallen) an den einstigen Prunkbau aus der sogenannten Gründerzeit (Bauzeit 1873 bis 1877). Ab 1934 zog in Dwasieden die Kriegsmarine ein, das Schloss wurde als Offizierskasino genutzt. Gesprengt wurde das Gebäude im Sommer 1948. Grund: Militäraltlasten mussten dem Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht weichen.

Das Militär

Die Kriegsmarine hatte dieses Gelände 1935 für sich entdeckt – dicht an der Ostsee gelegen, gut getarnt im Wald und nicht zuletzt wegen des Schlosses Dwasieden als geplantes Offizierskasino. Die Gemeinde Sassnitz war offensichtlich so sehr an einer Marinegarnison interessiert, dass sie dafür auf der Stelle bereit gewesen war, das Schloss für nur 175.000 RM an die Marine weiterzuverkaufen. Die letzten Schlossbesitzer, Familie Oertzen, die den Verkauf an die Gemeinde nur unter der Auflage durchführte, das Gelände nicht an das Militär zu veräußern, hatte von diesem „Durchreichen“ an die Marine nicht die leiseste Ahnung und wurde somit aufs Äußerste hintergangen. Hier in Dwasieden wurden modernste Kasernen errichtet. In einer Beilage zur „Rügenschen Post“ am 19. Juli 1938 wird die Marine-Garnison in den höchsten Tönen gelobt: „Saßnitz auf Rügen gilt als Deutschlands schönste Marine-Garnison, die erst seit etwa einem Jahr besteht.“ Hier wurde eine Entfernungsmessschule eingerichtet. Rekruten mussten mit Hilfe von Entfernungsmessgeräten, Zielscheiben auf vorbeigezogenen Schiffswracks und aufsteigenden Wetterballons ihre Zielsicherheit beweisen. Ab 1935 durchlebte Dwasieden verschiedene militärische Etappen und war somit bis 1990 stets „hermetisch“ von der Außenwelt abgeriegelt. Hier ein Überblick: Kriegsmarine 1935 – 1945, Seepolizei 1950 – 1952 (Auf Beschluss der Regierung der DDR wurde im Juni 1952 die Kasernierte Volkspolizei geschaffen und in diesem Zusammenhang am 1. Juli 1952 die Seepolizei in Volkspolizei-See umbenannt), Volkspolizei-See 1952 – 1956, Seestreitkräfte/Volksmarine 1956 – 1990.

Berufsschule

Der Befehl Nr. 11 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom 11.01.1946 zum Aufbau der Hochseefischerei in Ostdeutschland war auch indirekt der Startschuss für die Lehrlingsausbildung in Sassnitz. Der hiesige Fischereibetrieb wurde am 01.01.1949 gegründet und schon bald darauf wurde Fischer ein Ausbildungsberuf. Begann die Ausbildung 1950, an diesem Standort seit 1952, mit sechs Lehrlingen, waren es in den siebziger und achtziger Jahren jeweils drei Klassen mit 30 Lehrlingen pro Ausbildungsjahr. Insgesamt waren es etwa 5500 Auszubildende bis zur politischen Wende 1990.

Neben den Hochseefischern waren die weiteren Ausbildungsberufe: Küstenfischer, Schiffsbetriebsschlosser, Fischwerkerin, Elektriker, Bürokauffrau und Facharbeiter für Umschlag- und Lagerprozesse für den Hafen Mukran.

Im Rahmen der Solidaritätsleistungen der DDR wurden junge Menschen aus Sambia, Kambodscha, Namibia, Angola, Vietnam und Nikaragua an der Berufsschule des VEB Fischfang Sassnitz ausgebildet. Bis zu 250 Lehrlinge waren jährlich im Lehrlingswohnheim untergebracht worden.

Nach 1990 verlor die Fischerei ihren hohen Stellenwert und die Insel benötigte für die Bewältigung der touristischen Aufgaben junge Leute als Köche, Kellner und Restaurantfachleute, um den gastronomischen Anforderungen gerecht werden zu können. Dazu wurde der Neubau der heutigen Berufsschule erforderlich. Moderne Ausbildungsmöglichkeiten für mehr als 800 Lehrlinge waren nun geschaffen worden.

Waldfriedhof

Es ist der 6. März 1945 – später Abend. Die meisten Sassnitzer schlafen bereits oder wollen zu Bett gehen. Der Hafen und die Reede vor dem Ort sind gefüllt mit Marine- und Flüchtlingsschiffen. In den Eisenbahnwaggons im Hafen warten Menschen auf die Weiterfahrt gen Westen als das bekannte und gefürchtete Signal ertönt – Fliegeralarm. So etwas hat es zwar schon des Öfteren gegeben und jedes Mal ließen die Bomber das kleine Sassnitz liegen und flogen darüber hinweg. Als aber kurz darauf die „Tannenbäume“ (Beleuchtung zur Zielmarkierung) gesetzt werden, ist jedem klar: „Das gilt diesmal uns.“ Die britischen Jagdflugzeuge eröffnen den Angriff mit MG-Feuer, bevor die Bomber ihre Last auf Sassnitz, den Hafen und die Schiffe werfen. Während die meisten Sassnitzer in den Kellern, den nahen Kreidebrüchen oder im Wald Schutz suchen, sind die Flüchtlinge dem Angriff nahezu ausgeliefert. Nach 30 Minuten ist alles vorbei.

Die Opfer der Bombennacht wurden laut einer Sassnitzer Chronik von der Ortsleitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei – NSDAP – zur Einzelbestattung nicht freigegeben und mussten in Massengräbern bestattet werden. Auf dem Alten Friedhof und hier in Dwasieden fanden viele Opfer des Bombenangriffs und des Krieges ihre letzte Ruhestätte. Besonders der Sassnitzer Franz Settegast setzte sich nach 1945 für die Schaffung würdiger Grabanlagen ein.

Der Waldfriedhof hier im Dwasiedener Wald ist bis heute regelmäßig Schauplatz verschiedener Gedenkveranstaltungen.

Großsteingrab

Neben den Ruinen des einst pompösen Hansemann-Schlosses und den geheimnisvollen Militäraltlasten hat Dwasieden noch eine weitere Sehenswürdigkeit zu bieten – und dazu noch eine steinalte. Mit seinen ca. 5000 Jahren gehört es zu den ältesten Bauwerken der Insel Rügen und zog sogar im Jahr 1806 den bekannten Maler Caspar David Friedrich in seinen Bann, der es auch als Zeichnung verewigte: der Großdolmen von Dwasieden.

Großdolmen – Megalithanlagen (Großsteinanlagen) mit mehr als zwei Decksteinen – findet man im vorpommerschen Raum häufig. Markant an dieser Anlage aus der sogenannten Trichterbecherkultur ist die Einbettung in das ca. 35 Meter lange und zwischen 7,5 und 12,5 Meter breite Hünenbett mit den vier auffälligen Wächtersteinen. Ausgrabungen brachten eine Vielzahl von Artefakten hervor. So fanden sich darin über 1500 Scherben, Bernsteinperlen, verschiedene Gefäße und Werkzeuge.

Viele dieser Megalithanlagen fielen im Laufe der letzten Jahrhunderte religiösem Fanatismus, der Steingewinnung oder als Hindernis der Landwirtschaft zum Opfer und auch heute werden nach wie vor geschützte Bodendenkmäler zerstört oder zweckentfremdet.

Der Großdolmen von Dwasieden überdauerte die Zeit und lädt den Betrachter zu einer Zeitreise in die mehrere Tausend Jahre alte und reiche Kulturgeschichte Rügens ein.