Oops! It appears that you have disabled your Javascript. In order for you to see this page as it is meant to appear, we ask that you please re-enable your Javascript!

Rundweg Nr. 6 – DDR im Bau

Rügen-Hotel

So richtig zur Stadt passen will es nicht – dennoch hat sich das Rügen-Hotel zu einer Sassnitzer Landmarke entwickelt und bestimmt nun schon seit über 50 Jahren die Stadtsilhouette.

Sassnitz als nördlichste Stadt der DDR war gleichzeitig Endpunkt einer beliebten Transitstrecke für viele „West-Europäer“ nach Schweden. Und auch umgekehrt war es bei vielen Schweden beliebt, auf den Schiffen der „Königslinie“ zollfrei einzukaufen, eine Nacht in Sassnitz zu verbringen und am nächsten Tag nach Trelleborg zurückzufahren. Die begehrten Devisen ausländischer Gäste waren ein Grund, vor Ort ein für damalige Zeiten modernes und komfortables „Transit-Hotel“ zu errichten.

Nachdem die alte Villa Wachtmeister dem Erdboden gleichgemacht wurde, begannen 1968 die Bauarbeiten, die ab Erdgeschoss samt Innenausstattung von der schwedischen Baufirma SIAB (Svenska Industribyggen AB) realisiert wurden. Bereits im August des kommenden Jahres konnte das Rügen-Hotel die Eröffnung feiern.

War es in den ersten Jahren ausländischen und bekannten DDR-Persönlichkeiten vorbehalten, wurden ab Mitte der 1970er Jahre auch vermehrt einheimische Gäste, vorwiegend FDGB-Urlauber, untergebracht. Nicht nur bei auswärtigen Gästen sondern auch bei der einheimischen Bevölkerung war die 9. Etage als Veranstaltungsort, besonders bei Silvesterfeiern, bekannt und äußerst beliebt.

Zu den Annehmlichkeiten des Hotels gehörte ferner ein Außenpool, der allerdings 1978 überdacht werden musste. Die Möwen hatten ihn mehrfach mit der Ostsee verwechselt und hinterließen dabei „bleibende Eindrücke“.

Seemannsheim

Mit seinen Ausmaßen, dem großen Erker und dem wuchtigen Turm könnte es fast als das Sassnitzer Stadtschloss durchgehen, obwohl mit ihm nur die Hälfte eines geplanten großen Bau-Ensembles verwirklicht wurde. Es sollte auch nicht Fürsten oder Königen dienen, sondern einfachen Fischern.

Die Tradition eines Seemannsheimes geht in Sassnitz bis in das Jahr 1891 zurück, als in der heutigen Seestraße durch Adeline Gräfin von Schimmelmann ein christliches Seemannsheim errichtet wurde (Rundweg Alt Crampas Nr. 6). Sechzig Jahre später erlebte Sassnitz einen enormen Aufschwung durch die Fischindustrie. Die Hafendurchläufe der Kutter waren oft sehr kurz und die Besatzungsmitglieder, wenn sie nicht in Sassnitz oder der nächsten Umgebung eine Wohnung hatten, schliefen in den Kojen an Bord, was einige Entbehrungen mit sich brachte. Diesem Umstand wurde im Jahr 1955 abgeholfen, als das neuerbaute Seemannsheim mit 202 Betten den Fischern nun eine Unterkunft bot. Dadurch wurden die Lebensbedingungen der Flottenangehörigen erheblich verbessert.

Die Benennung von Straßen, Plätzen und Gebäuden mit Namen antifaschistischer Widerstandskämpfer, KPD-Mitgliedern usw. entsprach dem Zeitgeist in der jungen DDR. Das Seemannsheim wurde nach „John Schehr“ benannt – nach Ernst Thälmanns Verhaftung 1933 Parteivorsitzender der KPD, bis er selbst 1933 verhaftet und 1934 in Berlin von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Seit 1990 wird das ehemalige Sassnitzer Seemannsheim als Hotel genutzt.

Stubnitz-Kino

Als am 23. Dezember 1958 mit dem DEFA-Film „Das Lied der Matrosen“ der offizielle Lichtspielbetrieb in den Stubnitz-Lichtspielen begann, ahnte noch niemand, dass der Kinobetrieb nur etwas über 30 Jahre andauern würde.

Schon der Start verlief alles andere als reibungslos. Mehrere Probleme verzögerten die Fertigstellung, teilweise ruhten die Bauarbeiten ganz. Ein Kuriosum und neues Problem: während des Baus änderte sich die Filmvorführtechnik und das Breitwandformat wurde Standard. So musste das Kino schon während der Arbeiten mit neuen Bühnen- und Leinwandmaßen sowie neuen Vorführmaschinen modernisiert werden. Ebenfalls wurden Umkleideräume für Künstler geschaffen, was eine vielfältige Nutzung als Kulturhaus zuließ. Bereits 1959 fanden hier die erste Jugendweihe und später die Einschulungsfeiern statt. Schnell mauserte sich das Haus zum zentralen Anlaufpunkt für die Sassnitzer Einwohner. Eine weitere Attraktion kam 1976 hinzu, als das Klubkino eröffnet wurde. Auf Drehsesseln an Tischen fanden hier bis zu 40 Personen Platz, um bei Speisen und Getränken Filme zu sehen. Nach der Schließung des Kinos im Jahr 1992 diente das Erdgeschoss als Anlaufpunkt für jung und alt, als Disco und Jugendtreff, bevor auch hier die Lichter ausgingen.

Eine künstlerische Besonderheit ist an der Nord- und Südseite zu finden. Hier erhielt bei der Planung des Baus der bekannte Bildhauer Jo Jastram den Auftrag, künstlerische Motive, die er in Sgraffito-Technik ausführte und sich heute als Einzeldenkmal auf der Denkmalsliste befinden, in den Bau zu integrieren.

Sachsenblick

Kaum ein Punkt in Sassnitz steht symbolisch so sehr für das Fernweh wie der Sachsenblick am südlichen Ende der Bahnhofstraße.

Seit Erbauung des Hafens war der Blick vom Steilufer auf das darunterliegende Geschehen oder vor Ort an der Kaikante bei Einheimischen und Gästen überaus beliebt. Vor allem der Rangierverkehr für die Trajektfähren konnte lange fesseln. Mit dampfenden Schloten setzte sich die Fähre dann in Bewegung und verschwand in einer Biegung hinter den Buchen des Hochufers. So passierte es tagaus und tagein. Anfang der 1960er Jahre wurde ein ungehinderter Zugang zum Hafen für die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr gestattet und DDR-Bürgern aus politischen Gründen die Fahrt mit den „Schwedenfähren“ größtenteils versagt. Von nun an etablierte sich diese Stelle als der Aussichtspunkt auf das Hafengeschehen und zog Massen von Besuchern an. Da besonders die Dialekte der südlichen Bezirke in den Sommermonaten zu hören waren, entstand der Begriff „Sachsenblick“.

Zeitgenössische Zeilen des Sassnitzer Autors Wilhelm Ritter treffen so recht die Emotionen, die für knapp 30 Jahre diesen Ort bestimmten:

„Ein Fährschiff läuft hinaus aufs Meer,
manch Blick folgt ihm gedankenschwer,
reist Visa frei ein gutes Stück,
in die verbotene Ferne mit.“

Henselmann-Schule

Hermann Henselmann war einer der bedeutendsten Architekten der DDR, dessen Schaffen die Architektur der 1950er und 1960er Jahre bestimmte. Seinen Zeichnungen entsprangen die Bebauung am Strausberger Platz und am Frankfurter Tor in Berlin, das heutige City-Hochhaus Leipzig und der heutige Jentower in Jena. Zuvor hinterließ er jedoch seine Spuren in Sassnitz.

Sassnitz war Anfang der 1950er Jahre eine aufblühende Gemeinde, deren Einwohnerzahl schnell wuchs. Nicht nur der Wohnraummangel machte zu schaffen, ebenfalls fehlte es an Schulkapazität. Mit der im Jahr 1953 übergebenen und von Henselmann entworfenen 16-klassigen Mittelschule, wurde nicht nur dem Platzmangel entgegengewirkt, gleichzeitig hatte er eine Musterschule für weitere Schulbauten der DDR geschaffen. Dabei verband er mehrere Stile zu einer Einheit – das tief herabgezogene Dach der Nordseite als Zeichen für den Heimatstil, Säulen im Eingangsbereich für den Klassizismus und die Moderne mit dem Fensterband.

Anläßlich des 100. Geburtstages von Wladimir Iljitsch Lenin im Jahr 1970 kam es auch in Sassnitz zu Benennungen oder Umbenennungen von Straßen, Plätzen und Gebäuden. Diese Schule trug den Namen Lenins von 1970 bis 1990.

Von 1991 bis 2008 diente das Gebäude als Gymnasium – seit 1997 als „Ostsee-Gymnasium Sassnitz“. Seit 2008 beherbergt es die Grundschule „Ostseeblick“.

Leninplatz

Es ist ein trüber und nasskalter Tag im Frühjahr 1970. Bauarbeiter verlegen Steinplatten, während im Hintergrund ein Kran eine Büste in die Luft hebt, die aufgrund ihrer Form den Arbeitern keine Wahl lässt, die Halteseile anders als um den Hals zu befestigen. Nun hängt sie wie am Galgen. Der Kopf in der Schlinge: Wladimir Iljitsch Lenin.

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die sich an diesem Platz zugetragen haben. Das Gelände bestand aus Gärten und Wiesen, bevor in den 1930er Jahren hier ein Marinedurchgangslager errichtet wurde. Im Zuge des Wachstums der Gemeinde Sassnitz in den 1950er Jahren und der damit verbundenen Neuplanung der heutigen Stralsunder Straße als Magistrale und Paradestraße, wurde das Areal dieses Platzes mit einbezogen. Es entstand ein zentraler und attraktiver Mittelpunkt mit Ruhebänken und Springbrunnen. Zu diesem Ensemble gesellte sich im Jahr 1961 für einige Jahre eine Gedenkstätte für den Sassnitzer Sozialdemokraten Paul Möller, der in den letzten Kriegstagen im Hafen versuchte, führende Köpfe der Nationalsozialisten an der Flucht zu hindern und dies mit dem Leben bezahlte.

Durch die Feierlichkeiten zu Lenins 100. Geburtstag erfuhr der Platz 1970 eine im Zeitgeist betriebene Umgestaltung – Leninstraße, Lenin-Denkmal, Lenin-Oberschule und Lenin-Platz bildeten nun eine namentliche Einheit.

Nach der politischen Wende wurde der Platz nach und nach zurückgebaut und begrünt. Seit 2017 wird er ausschließlich von der Grundschule genutzt.

Zollabfertigung

Die Rüganer sind stauerprobt – die Sassnitzer sind es erst recht. Regelmäßig zogen sich lange Schlangen von Pkw und Lkw von der Pass- und Zollabfertigung die Stralsunder Straße entlang – teilweise bis zur Einfahrt der Straße der Jugend. Während im Jahr 1952 acht Fahrzeuge von Sassnitz aus über die Ostsee befördert wurden, erhöhte sich deren Zahl auf 33500 Fahrzeuge im Jahr 1971, wie es in einem zeitgenössischen Artikel heißt. So warteten durchschnittlich 92 Fahrzeuge mit Insassen nun tagaus und tagein auf die Fahrt nach Schweden. Viele Einheimische, besonders Jungs, genossen dabei oft den Anblick der in der DDR nicht alltäglichen vorkommenden Fahrzeuge.

Die ursprüngliche Zufahrt zu den „Schwedenfähren“ erfolgte zunächst über die Hafenstraße, bis Ende der 1950er Jahre aufgrund der Modernisierung der Fähren auch die Fährhafenanlagen einen Umbau erfuhren. Im selben Atemzug verlegte man auch die Zufahrt, indem man sich parallel zur Stralsunder Straße mit leichtem Gefälle durch die Erde grub, um dann in einem 90°- Winkel gradewegs Richtung Hochufer zu stoßen. Dort bildete eine Verbindungsbrücke als Zufahrt zum „Glasbahnhof“ genannten Empfangsgebäude der Fährverbindung den Abschluss. Befand sich die Fahrzeugabfertigung zunächst am Brückenfuß, erfolgte ab 1976 der Neubau zwischen alter und neuer Trelleborger Straße. Mit dem Umzug der Fähren in den Hafen Mukran verschwanden 1998 die Passkontrollen und somit die Pkw-Schlangen.

Hauptmann-Ring

Es war schon eine Besonderheit, als ab 1957 ausgehend von der August-Bebel-Straße hin zum Wilhelm-Pieck-Ring Wohnhäuser entstanden. Nicht, weil die Gebäude in Großblockbauweise errichtet wurden, sondern: die Wohnungen hatten Balkone. Und da ein bisschen Farbe im Spiel schon oft geholfen hat, strich man die Blöcke und Balkone in den unterschiedlichsten Farben. Und damit hatte das neueste Sassnitzer Wohngebiet auch gleich seinen Spitznamen weg: Papageienviertel. Doch lange hielt die Farbe nicht und wurde schon wenige Jahre später durch einheitliches Weiß ersetzt.

Anders als im Erwin-Fischer-Ring, wo das Motto lautete: „Hauptsache ein Dach überm Kopf“, legte man beim Wilhelm-Pieck-Ring Wert auf Komfort. Auch die dazugehörige Infrastruktur wurde geschaffen. So wurden 1961 die Oberschule III, 1963 die Kaufhalle HO fix und 1964 eine Kinderkrippe eingeweiht, der 1966 noch ein Kindergarten folgte. Das 1962 begonnene Hochhaus, geplant als Ledigenwohnhaus, wurde 1964 fertiggestellt. Ein großer Wohnraumgewinn wurde Ende der 1970er Jahre durch den Dachausbau einzelner Blöcke erzielt.

Besondere Spektakel waren für knapp ein Jahrzehnt die K-Wagen-Rennen (vergleichbar mit heutigen Go-Karts), die ab 1966 ausgetragen wurden. Mehrere Tausend Zuschauer fanden sich alljährlich am Kurs „Rund um das Hochhaus“ ein, um spannenden Motorsport hautnah zu erleben.

Im Zuge der Straßenumbenennungen Anfang der 1990er Jahre wurde aus dem Wilhelm-Pieck-Ring der Gerhart-Hauptmann-Ring.

„Kistenplatz“

Einst führte hier eine kleine Allee ausgehend von der Brücke über die sogenannte Hafenbahn bis zum östlichen Dwasiedener Pförtnerhäuschen entlang und zog sich schnurgrade durch die Felder. Nach dem Bombenangriff des 6. März 1945, bei dem auch dieses Gelände getroffen wurde, begann nach Verfüllung der Bombenkrater die intensivere Nutzung. Zunächst entstanden nach dem Krieg links und rechts der ehemaligen kleinen Allee Kleingärten, die jedoch bald wieder beseitigt wurden. Die nun folgende Nutzung blieb so sehr im Gedächtnis der Einwohner, dass die Fläche bis heute nur als „Kistenplatz“ bezeichnet wird. Denn aufgrund von Platzmangel im Hafenbereich musste man auf die Flächen oberhalb des Ufers zurückgreifen. Abertausende Fischkisten und -fässer mussten repariert, gewaschen oder einfach nur zwischengelagert werden. Ausrangierte Kisten fanden sofort Abnehmer, denn sie eigneten sich hervorragend für Schuppen, Zäune oder Hühnerställe.

Aus den hölzernen Fischkisten und -fässern wurden Kunststoffkisten und Tonnen, die ausrangiert bald hier und da als Regentonnen in Sassnitzer Kleingärten zu finden waren.

Nach dem Rückgang der Fischerei endete auch die intensive Nutzung des Platzes. Heute dient er Hunden zum Auslauf, Jugendlichen als Treffpunkt und Zirkussen als Standort, vor allem aber als Parkplatz bei Großveranstaltungen in der Sporthalle Dwasieden oder im Hafen.

Fischerring

Wer war eigentlich Erwin Fischer? Das dachte man sich vermutlich nach der politischen Wende auch und setzte die Straße auf die Liste der umzubenennenden Straßennamen. Speziell in diesem Fall fiel auf Grund der Nähe zur See und der Tradition der Fischerei die Umbenennung leicht und so wurde aus Erwin Fischer einfach nur der Fischer.

Nicht nur durch die Weltkriegsflüchtlinge, auch durch den enormen Aufschwung der Fischerei erlebte Sassnitz in den kommenden Jahrzehnten nach 1945 immer wieder Wohnungsmangel. 1949 sprach die damalige Sassnitzer Bürgermeisterein Ella Göhrke beim Landrat vor und forderte Wohnraum für die Fischer mit ihren Familien. Bereits 1950 konnten die ersten 295 Neubauwohnungen übergeben werden – allerdings ohne Toiletten: die hatte man in der schlechten Bauplanung vergessen. Dachrinnen waren ebenso Mangelware, sodass es bald in einigen Wohnungen schimmelte; Duschen und Badewannen fanden sich in den Kellern als Gemeinschaftseinrichtung und durch die unverputzten Fassaden sahen die Blöcke nicht bewohnt, sondern eher wie Rohbauten aus. Der Tendenz in der jungen DDR folgend, benannte man die Straße nach dem KPD-Mitglied Erwin Fischer, der als Feind des „Dritten Reiches“ 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.

War der Start in die Sassnitzer Wohngebietsgeschichte auch holprig, verhalf er doch vielen Familien zur ersten Wohnung.