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Rundweg Nr. 2 – Alt Crampas

Der Bahnhof

„Mit Gott per Dampf quer durch die Insel“: Mit dieser Aufschrift erreichte am 1. Juli 1891 die erste Eisenbahn den Bahnhof Crampas/Sassnitz. Bereits seit den 1860er Jahren gab es Überlegungen, eine Eisenbahn von Stralsund nach Sassnitz zu betreiben. Bis 1883 führte die Bahn lediglich bis Bergen. Da bereits feststand, dass ein noch zu bauender Hafen ebenfalls ans Bahnnetz angeschlossen werden sollte, war die Weiterführung der Strecke beschlossene Sache, nur der Standort war noch ungewiss. Arkona bot dabei viele Vorteile für den Ostseeschiffsverkehr, war allerdings die teurere Variante. Seit 1889 wurde in Crampas/Sassnitz ein Schutzhafen errichtet, der wesentlich dazu beitrug, dass man die Bahn bis hier baute.

Schon bei der Eröffnung stand fest, dass der Bahnhof Crampas/Sassnitz nicht lange ein Endbahnhof bleiben sollte, sondern die Weiterführung der Strecke bis in den Hafen unabdingbar war. Bereits im Herbst 1891 unternahm der Postdampfer FREYA eine erfolgreiche Probefahrt von Sassnitz nach Trelleborg, die später zum Entstehen einer Postdampferlinie führte. Doch bevor diese ihren Betrieb aufnahm, sollte zunächst der Hafen den Anschluss ans Eisenbahnnetz erhalten. Diese „Hafenbahn“ genannte Strecke mit einem Gefälle von 27% und ca. 2 km Länge – damit eine der seinerzeit steilsten Eisenbahnstrecken Europas – wurde von 1897 bis 1998 betrieben, bevor der Fährverkehr und damit die Eisenbahnverladung in den Fährhafen Mukran verlegt wurde.

Der Gemeindeplatz

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb Crampas das, was es seit dem Mittelalter war: ein kleines, unbedeutendes Bauerndorf. Doch brachte auch hier wie in der Nachbargemeinde Sassnitz der Tourismus zumindest für drei Monate im Jahr ein wenig Leben in das Dorf. Die Statistik nennt für das Jahr 1858 immerhin fünf Badegäste für Crampas. Wenn auch der Fremdenverkehr hier für eine vermehrte Bautätigkeit sorgte, geschah dies nicht in dem Maße wie in Sassnitz. Die Blütezeit der Ortschaft Crampas wurde vor allem durch die Verbesserung der Infrastruktur bestimmt, beispielsweise befanden sich auf Crampasser Gebiet nun ein Bahnhof, der Hafen und das Elektrizitätswerk. Hinzu kommt, dass Crampas über gute Steuerzahler verfügte. Beim Zusammenschluss mit dem wenig beliebten Nachbarort Sassnitz zur gleichnamigen Gemeinde im Jahr 1906 zählte Crampas ca. 1400, Sassnitz hingegen nur ca. 500 Einwohner.

In der Gemeinde Crampas entstand im östlichen Bereich des ursprünglichen Dorfes nur ein kleiner Gemeindeplatz; ein richtiges Dorfzentrum konnte sich nie etablieren. Diese kleine Fläche wurde wie der Sassnitzer Marktplatz ebenfalls von einem Bach durchflossen. Der Crampasser Bach, aus der Stubnitz kommend und sich durchs Dorf schlängelnd, machte die Anlage eines öffentlichen Wäscheplatzes sinnvoll. Informationstafeln, eine Wasserpumpe sowie zwei abseits gelegene Backöfen rundeten den Gemeindeplatz ab.

Altes E-Werk

Das Elektrizitätswerk wurde im Jahr 1896 von dem Bauunternehmer Carl Galitz auf dessen Bauhof in Crampas gegründet. Es war somit das erste E-Werk in Vorpommern, welches auf privater Grundlage Strom für die Öffentlichkeit erzeugte. Bevor dies geschah, mussten sich die Besitzer der Villen und Hotels beider Gemeinden verpflichten, 600 Brennstellen abzunehmen. Im Gegensatz zu Crampas, wo der Unternehmer Alexander Brand die Verlegung der Stromleitungen aus eigener Hand bestritt, musste die Gemeinde Sassnitz für die Verlegung auf ihrem Gebiet selbst aufkommen.

Bereits im Jahr 1902 war der Anschluss auf 5000 Brennstellen gestiegen. Infolge der käuflichen Erwerbung des Galitzschen Elektrizitätswerks durch die Berliner Firma AEG kam es zu einem Neubau. Im Frühjahr 1909 konnte dieser seinen Betrieb aufnehmen, ehe das Werk zehn Jahre später durch Ankauf Eigentum der Gemeinde Sassnitz wurde. Der Anschluss an die Überlandzentrale erfolgte im Jahr 1926. Dennoch wurde bis in die 1950er Jahre eigener Strom produziert, bevor die Maschinen abgebaut und die Gebäude vom Elektroanlagenbau u. a. als Werkstätten genutzt wurden.

Ende der 1990er Jahre wurde das leerstehende Gebäude denkmalgerecht saniert und zu einem soziokulturellen Zentrum mit angeschlossener Herberge umgestaltet.

Eine Schule, zwei Dörfer

„Der Unterricht bestand in Religion, Schreiben und Rechnen und wurde nur im Herbst und Winter abgehalten. Von den schulpflichtigen Kindern besuchte die Schule, wer Zeit und Lust hatte.“: So beschrieb der Sassnitzer Heimathistoriker Max Koch die Schulsituation am Anfang des 19. Jahrhunderts. In der Tat erfolgte der Schulbesuch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sehr sporadisch. Wurden die Kinder beider Dörfer bis in die 1840er Jahre noch in der Scheune des Crampasser Bauern Wichmann unterrichtet, errichtete man bald darauf, ebenfalls auf Crampasser Gebiet, eine kleine Schule auf freiem Acker.

Die fortschreitende Entwicklung beider Dörfer ließ auch die Anzahl der Kinder in die Höhe schnellen, sodass man im Jahr 1892 hier in der Stubbenkammerstraße ein neues Schulgebäude mit zunächst zwei Klassenräumen und zwei Lehrerwohnungen errichtete. Es dauerte nur einige Jahre, bis der Platz wiederum nicht ausreichte. Im Jahr 1899 wurde daher an die Schule ein nördlicher Anbau errichtet, der sich stilistisch exakt an dem bereits vorhandenen Gebäude orientierte. Dennoch wurden die nächsten Jahrzehnte immer wieder von Platzproblemen geprägt, die man hauptsächlich mit Baracken zu lösen versuchte. Erst nach dem Zeiten Weltkrieg fanden umfangreiche Schulneubauten statt. Der Schulbetrieb an der ehemaligen Gemeindeschule wurde im Jahr 2008 eingestellt.

Johanniskirche

Vom Mittelalter bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert gehörten die Ortschaften Crampas und Sassnitz zum Kirchspiel Sagard. Demzufolge wurden alle kirchlichen Handlungen wie Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Konfirmationen und Bestattungen in Sagard vollzogen. Dabei waren bei Bestattungen die Einwohner auf Nachbarschaftshilfe angewiesen: So erledigten zum Beispiel das Waschen und Umziehen der Leiche die Nachbarinnen, während die Männer den Sargbau übernahmen. Des Weiteren war es Ehrensache, dass jeder Einwohner der Leiche bis Sagard das Geleit gab.

Der erste Gottesdienst für die Ortschaften Crampas und Sassnitz wurde am 14. Juli 1867 am Fuß des Fahrnbergs abgehalten. Die Kosten für die Fahrten des Geistlichen wurden von den Badegästen in Form einer Kollekte erhoben. Oft wurden diese Gottesdienste in freier Natur von ungünstigen Witterungsverhältnissen unterbrochen, sodass diese dann im Speisesaal des Hotels zum Fahrnberg durchgeführt wurden. Ab dem Jahr 1868 bildete sich eine Vereinigung, um Geld zu sammeln und einen Kirchenbau voranzutreiben. Pläne, eine Holzkirche im nordischen Stil zu erbauen, fanden keine Zustimmung. So entschied man sich, eine Kirche im neugotischen Stil zu errichten. Nach einer dreijährigen Bauzeit konnte die St. Johanniskirche am 24. Juli 1883 zwischen den beiden Ortschaften Crampas und Sassnitz eingeweiht werden. Dass zwischen den Einwohnern beider Dörfer Ende des 19. Jahrhunderts keine enge Freundschaft bestand – hauptsächlich bedingt durch den Aufschwung durch den Fremdenverkehr – wurde auch in der Platzwahl erkennbar, da während der Gottesdienste die Crampasser auf der Westseite und die Sassnitzer auf der Ostseite der Kirche Platz nahmen.

Das Seemannsheim

­Als Adeline Gräfin von Schimmelmann auf einer Rügen-Reise im Jahr 1886 im damals noch unbedeutenden Badeort Göhren ortsfremde Fischer sah, die vergeblich versuchten, Lebens- mittel von den Einheimischen zu erwerben, reifte in ihr der Entschluss, ein Heim für diese konkurrenzbedingt verhassten Fischer zu gründen, welche sich fern der Heimat nicht selten dem Alkohol ergaben, während ihre Familien daheim in Armut lebten.

Ein weiteres dieser von Gräfin von Schimmelmann gegründeten christlichen „Seemannsheime“ – den Fischern Bleibe sowie Quelle für Lebensmittel, Bücher und Spiele – befand sich in diesem im Jahr 1891 errichteten Haus. Zur Unterstützung bildete sich im Jahr 1890 ein Verein, der später u. a. diese Crampasser Einrichtung übernahm. Nachdem es 1894 zu einem Bruch zwischen dem Verein und Gräfin von Schimmelmann kam, kritisierte diese in ihrer eigenen Publikationsreihe des Öfteren die Arbeit dessen; beispielsweise warf sie den späteren Betreibern des Crampasser Seemannsheims vor, das Haus in „ein schönes Hotel für Badegäste“ umgewandelt zu haben – tatsächlich taucht es ab 1906 unter dem Namen „Restaurant und Logierhaus Seemannsheim“ auf.

Berühmtester Inhaber war sicherlich Deutschlands erster Berufstaucher David Lunck. Unter dem Namen „Haus Seeadler“ war in den 1920er Jahren hier die Sassnitzer Dampfschiffs- Gesellschaft beheimatet, bevor das Gebäude zu einem Wohnhaus umfunktioniert wurde.

Der Walfisch

Es war für ca. zehn Jahre das renommierteste Hotel in Crampas und sollte als Kulturhaus eines vollkommen neuerrichteten Villenviertels dienen: das „Hotel zum Walfisch“. Die Intensität, mit der sich der Fremdenverkehr in Sassnitz entwickelte, wurde in Crampas nicht erreicht. Und so wurde neben dem „Walfisch“ nur ein Bruchteil dessen realisiert, was die Planungen ursprünglich vorsahen. Erbaut von Mitgliedern eines Stralsunder Konsortiums, wurde es am 8. Juli 1873 vom Hotelbesitzer Hermann Hintze eröffnet. Nur wenig später fand ein prächtiges Einweihungskonzert mit dem Herzoglich Sächsischen Hofpianisten Bratfisch und dem Opernsänger Milder statt.

Baulich waren die Hotels und Pensionen nicht für die Ewigkeit gedacht. Die Erholungssuchenden fanden sich hauptsächlich in den Sommermonaten ein, sodass außerhalb der Saison die Gebäude leerstanden. Die „Lebenserwartung“ einer Villa betrug ca. 60 Jahre. Der „Walfisch“ musste bereits nach zehn Jahren zum ersten Mal grundlegend saniert werden.

In den 1890er Jahren erhielt das Haus den Namen „Strandhof“ und diente bis in die 1990er Jahre als Wohnhaus. Aufgrund der billigen Bauausführung und durch mangelhafte Instandsetzungen verschlechterte sich der Zustand des Gebäudes durch die Jahrzehnte vehement. Im Jahr 1998 wurde der alte „Walfisch“ schließlich dem Erdboden gleichgemacht.

Eine der Ersten – Villa Meereswelle

Wie dem benachbarten Ostseebad Sassnitz stand auch dem Dorf Crampas eine große Zukunft als Ostseebad bevor. Da der Platz für Baugrundstücke hier noch vorteilhafter als in Sassnitz war – es konnte viel großzügiger und freiräumiger gebaut werden – standen die Chancen nicht schlecht, die Nachbargemeinde in Sachen Tourismus sogar zu überholen. Im Jahr 1872 fand sich ein Konsortium aus den Stralsunder Herren Seitz, Kindt, Teichen und Walter zusammen. Die Planung sah am Hochufer von Crampas 15 bis 20 Villen in unterschiedlicher Architektur und versetzter Anordnung, sodass die Aussicht nicht behindert wurde, sowie ein Kurhaus mit Saal vor. Da die Crampasser Einwohner zunächst kein Interesse am Fremdenverkehr hatten, wurden die Stralsunder Herren die Förderer des „Seebades Crampas“. Auf eigene Kosten ließen sie am Strand Badeanstalten errichten und verbuchten die Gewinne für sich, allerdings flossen nicht geringe Steuern in die Crampasser Gemeindekasse.

Die durch die Jahrhunderte kaum veränderte Villa Meereswelle steht stellvertretend für jenes nur zu einem Bruchteil umgesetzte Bauprojekt und damit symbolisch für die überschwängliche Euphorie der Gründerzeit. Sie ist dank ihres Baujahres 1873 älter als manche Villa in Alt Sassnitz.

Ganz aus Holz

„Das Gebäude wird in Fachwerk theils mit Bretterwände theils ausgemauert ausgeführt und mit Dachpappe eingedeckt. Außer eine Küche welche massiven Schornstein und Brandmauern erhalt sind keine Feurungsanlagen vorhanden da eine Heitzung der Wohnungen nicht statthaben soll“. Dieser Auszug aus dem Bauantrag des Zimmermeisters Walter zum Neubau eines „Logierhauses für Badegäste in Crampas“ aus dem Jahr 1881 und die Bauausführungen zeigen, dass die Logierhäuser mit billigsten Mitteln errichtet wurden und nur für einige Jahrzehnte Profit abwerfen sollten. Dass diese Gebäude teilweise mehr als 100 Jahre bestanden, kann man schon als bemerkenswert bezeichnen.

Über die Entstehungsgeschichte des Hauses gibt es mehrere Anekdoten. Die bekannteste verbindet den Bau mit dem Schloss im nahen Dwasiedener Wald im heutigen Westteil der Stadt: Da der Baumeister Walter ebenfalls am Dwasiedener Schlossbau beteiligt war und dort große Mengen Holz übriggeblieben seien, habe er sich kurzerhand daraus seine „Villa Walter“ gebaut. Als solche wurde es bis in die 1890er Jahre bezeichnet, bevor das Haus den Namen „Prinz Heinrich von Preußen“ erhielt, welcher tatsächlich einmal Gast des Hauses war.

Nachdem es im Ersten Weltkrieg für kurze Zeit als Lazarett diente, wurde es fortan als Wohnhaus für bis zu 16 Familien genutzt. Das bei Sassnitzern kurz „Prinz-Heinrich-Haus“ genannte Gebäude wurde schließlich im Jahr 1999 abgerissen.

Das Hotel der Fräuleins

­Während die Besitzer einiger Pensionen und Hotels kontinuierlich wechselten, gab es Häuser, die sich sehr lange in Familienbesitz befanden: Das Hotel „Geschwister Koch“ ist eines davon.

Fast wie eine Enklave lag das Grundstück der einheimischen Familie Koch inmitten der Ländereien des Stralsunder Konsortiums, die in diesem Teil von Crampas ein eigenes Villen- viertel errichten wollten. Bereits um 1880 entstand hier ein durch Fritz Koch errichtetes Logierhaus. Nach dem frühen Tod des Vaters zeigten sich später besonders die drei Töchter Friederike, Marie und Caroline sehr geschäftstüchtig und gaben dem Haus schließlich seinen Namen „Geschwister Koch“. Zusätzliche Anbauten ließen es über die Jahrzehnte zu einem der größeren Hotels des Ortes werden. Besonders der Saal des Hauses erfreute sich seit Mitte der 1930er Jahre als Kino unter dem Namen „Rio Lichtspiele“ eines regen Zuspruchs. Wie die meisten Pensionen und Hotels in Sassnitz wurde auch dieses Hotel später als Wohnhaus genutzt, der Kinobetrieb Ende der 1950er Jahre aufgegeben und der Saal als Lager genutzt. Gleichzeitig erfolgte die Übergabe des Hauses an die Sassnitzer Kirchengemeinde.

Dem Verfall nahe, begann kurz nach der politischen Wende im Jahr 1991 die Sanierung und der Umbau zu einem Mehrgenerationenhaus. Unter dem Namen „Grundtvighaus“, benannt nach dem dänischen Schriftsteller und Theologen Frederik Grundtvig, ist es insbesondere seit Wiederaufnahme des Kinobetriebs im Jahr 2000 ein beliebter Anlaufpunkt für Groß und Klein, Gäste und Einheimische geworden.